Donnerstag, 29. November 2012

„Du machst mich krank!“

Im September 2011 begann Katie Krautwurst, eine 16-jährige Schülerin an der Le Roy High School, ein Ort im Westen des Bundesstaates New York, zu stottern. Kurz darauf litt sie an unkontrollierbaren Zuckungen in Gesicht – Notaufnahme. Keine Besserung. Thera Sanchez, Lydia Parker, Chelsey Dumars und zwölf weitere Mädchen wurden darauf ebenfalls von schweren, krampfanfallartigen Zuckungen geplagt.

Die Ursache hierfür wurde zunächst im Stress begründet, später waren Autoimmunerkrankungen und Umweltschäden im Gespräch. Auch kaputte Ehen wurden als Auslöser für die neurologischen Beschwerden in Betracht gezogen. Durch die massive Medienpräsenz und die ergebnislose und teure Suche nach Giftstoffen – so schien es – wurde die Aufregung schlimmer, manche der Betroffenen wurden von neuen Anfällen heimgesucht. Und dann besserte sich der Zustand vieler Mädchen wieder.

"Psychogene Massenerkrankung" oder "Epidemische Hysterie" heißt dieses Phänomen. Ein Einzelner weist ungewöhnliche Symptome auf und dann machst du mich krank.
„Eine Massenhysterie ist ein psychopathologisches Phänomen, das ein nichtpathologisches und zutiefst menschliches Verhalten ausnutzt, nämlich die Neigung, den emotionalen Zustand anderer zu imitieren“[1], definieren Nicholas A. Christakis und James H. Fowler. Verfällt einer in Panik, verfallen also alle in Panik. Rennt ein einziger, aufgeschreckter Büffel los, ist die ganze Herde in Aufruhr, in Panik. Weswegen?

Ist die Ursache in einer Bedrohungsangst begründet? Natürlich reagiert der Mensch, fühlt er Gefahr, fühlt er sich in seiner Existenz bedroht. Handelt, um seiner selbst Willen, um die Bedrohung abzuwenden. Auch der Büffel rennt, um nicht gefressen zu werden. Handeln ist bewusstes, willentliches, dem Menschen eigentümliches Tun ist Illusion. Es ist doch nicht der Mensch, der sich selbst mit Krampfanfällen plagt; mit Zuckungen, die nicht aufhören mögen und mit Freiheit bezahlt werden. Oder doch? Und was, wenn eine Epidemie der Einstellung ihre Kreise zieht? Wenn diejenige „andere“ Einstellung eines Einzigen symptomatisch auf Freunde und deren Freunde überspringt?

Da doch aber Ängste wie Einstellungen – wenn sie nicht kommuniziert sind – nicht exakt dieselben sein können, so frage ich mich, wie können dann Reaktionen und Symptome wie diejenigen der Mädchen von Le Roy en masse auftreten?

Es muss etwas geben: ein „Es“. „Es“ steckt an. Welches „Es” denn zum Teufel, bitte schön? Nicht du steckst mich an oder ich lasse mich von dir anstecken. Nein, „Es“ steckt an. Eine Spannung, ein „Etwas“, das immer und überall auf irgendeine Art und Weise dazwischen herrscht. Ein „Etwas“, das ist und in seiner unbegreiflichen Existenz und seiner scheinbaren Unauflösbarkeit Potenzierung erfährt. „Es“ wirkt einfach. Vielleicht ist es dieses „Etwas“, das sich so bedrohlich anfühlt. Vielleicht macht dieses „Etwas“ den Menschen vergessen auf welche seiner Eigenschaften er vertrauen kann. Das Leben lebt sich von alleine. Bis es die Zügel wieder abgibt. Vielleicht ist „Es“ auch Ansporn etwas Neues zu wagen – das Neue zu denken und zu neuem Denken zu bewegen.

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es phänomenal und seit jeher ist.








[1] Nicholas A. Christakis und James H. Fowler: Connected! Die Macht sozialer Netzwerke
und warum Glück ansteckend ist. Frankfurt am Main 2010, S. 73.

Sonntag, 25. November 2012

"Bist du ansteckend?"

Am 21. Dezember ist Winteranfang. Die kälteste Zeit des Jahres wird eingeläutet. Davor ist es vor allen Dingen nass, kalt und dennoch zu warm, um Wollpulli und Winterjacke zu tragen. Vor der kältesten Zeit des Jahres nimmt die Grippe-Zeit ihren unangefochtenen Platz ein und schlägt die erste große Welle. Beginn der großen Schnupfen-Knigge. Grippe ist ansteckend. Computertastatur, Türgriffe, Haltestangen in Bus und Straßenbahn, Einkaufswagen im Supermarkt, Geld, Menschen – alles „Seuchenbrutstätten“. Wir wissen um diese Ansteckungsgefahren. Wir waschen uns die Hände sobald wir zu Hause ist, ermahnen die Kleinen die Finger aus dem Mund zu nehmen und kratzt der Hals, nehmen wir vorbeugend eine Aspirin Complex.

Es ist beachtenswert, dass einige häufiger darüber nachdenken, welche bakterielle Gefahr davon ausgeht aus demselben Glas zu trinken, anstatt zu bemerken, welche Macht der sozialen Ansteckung von Freunden, Bekannten oder Freunden von Bekannten herrührt.

Bin ich ein Tick wie du, weil du ein wenig so bist wie sie und sie die Ernährungsumstellung von ihm toll findet? Oder lasse ich mich von dir infizieren, weil deine Geschichte mich inspiriert und dein Freund mit dem Rauchen aufgehört hat – in nur drei Wochen? Bist du ansteckend, weil ich deine Art mit alten Menschen umzugehen bewundere? Wer beschließt, dass regelmäßiges Fitness-Training dir gut tun würde und dass ein Auslandssemester oder vielleicht doch lieber ein Praxissemester für den beruflichen Werdegang von Vorteil wäre? Bin ich glücklich weil du frisch verliebt bist oder ist die Stimmung am Boden weil Vater wieder schlecht gelaunt von der Arbeit nach Hause kam?

Stille Gesetze, vermeintliche Pflichten, verinnerlichte Übereinkünfte bestimmen den Alltag. Das Leben folgt Codes. Codes, die in ihrer Eigendynamik beschließen, den Menschen unmündig und abhängig zu machen und es beinahe bis zur Unmöglichkeit erschweren, das eigene, reinste und purste „Ich“ zu Tage zu befördern. Wo immer wir mit anderen Menschen zu tun haben, sei es im Supermarkt, in der Kneipe oder im Wartezimmer, stimmen wir unbewusst unsere Mimik, Haltung und Stimme aufeinander ab. Durch äußerliche Nachahmung verändert sich der innere Zustand, welcher dann wieder äußerlich in unserer Mimik zum Ausdruck kommt – empathische Imitation also, um die Umgebung lesen und sich dementsprechend verhalten zu können. "Wir alle spielen Theater", [1] würde Goffman möglicherweise an dieser Stelle anführen: Indem wir bemüht sind, die Situation so zu definieren, dass wir vermeintlich wissen, was der Gegenüber von uns erwarten könnte und was wir uns von ihm erwarten, nehmen wir eine Rolle ein; und "wenn ein Darsteller eine etablierte soziale Rolle übernimmt (z.B. Kellner), wird er feststellen, dass es bereits eine bestimmte Fassade für diese Rolle gibt." [2]

In Entscheidungs-Angelegenheiten wählen wir überdies oftmals diejenige Option, mit welcher auch bereits ein Freund eines Freundes Erfolg hatte. Und umgekehrt tragen wir mit unseren Handlungen dazu bei, wie glücklich oder traurig, krank oder gesund oder erfolgsgekrönt Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung sind. Also zwängt sich mir die Frage auf: Wann sind wir überhaupt wir selbst und gibt es "mein" Selbst überhaupt?

„Der Mensch wird frei geboren, aber überall liegt er in Ketten. Wer glaubt, andere zu beherrschen, ist nur noch mehr Sklave als jene“ [3] , sagte Rousseau einmal.
Wir werden geboren und werden geformt - formen uns selbst und lassen uns durch Andere und Anderes formen. Und wenn nicht, ahmen wir das Gegenteil dessen nach – selbstbewusste, autonome Abgrenzung, ja. Ich behandle mich selbst; lege mich in Ketten. Doch wenn wir das für Fremdbestimmung halten, dann rebellieren wir nicht gegen einschränkende Normen, sondern gegen unsere Geselligkeit. Denn wenn ich nicht Behandelte bin, so kann ich auch nicht Behandelnde sein. Ohne Gegenüber zu sein fühlt sich sinnlos an.

Ist es erlesen von jeglicher Art der Ansteckung durch andere frei zu sein?







[1] Vgl. Erving Goffman: Wir alle spielen Theater, München 2003 (4.Auflage).
[2] ebd. S. 28
[3] Jean-Jacques Rousseau: Vom Gesellschaftsvertrag oder Grundsätze des
Staatsrechts, Marixverlag 2006, S. 12.

Samstag, 10. November 2012

Vera in Behandlung I

Ich bin Tochter. Schwester. Freundin. Studentin. Musikerin. Höflich. Herzlich. Weltoffen. Begeisterungsfähig. Erzürnt. Darüber, dass ICH mich nicht ergreifen, umfassen und „von allen guten Geistern verlassen“ (den Bösen eingeschlossen) frei „führen“ kann.

Ich bin in Behandlung: Vera in Behandlung.
„Ob man will oder nicht“. Will ich, oder will ich nicht? Kann ich wollen und kann ich überhaupt nicht-wollen? Muss ich gar wollen oder nicht-wollen?

Wir alle sind in gewaltigen Beziehungsgeflechten miteinander vernetzt. Werden beeinflusst von Menschen, die uns nahe stehen und solchen, die wir gar nicht kennen. Unsere Umgebung prägt und behandelt uns leise und stillschweigend durch Systeme, neue Technologien, Plakatwände, Medienoberflächen, Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten. Alles Einrichtungen, Körperschaften, gesellschaftliche Kräfte – Behandlungsräume, wie ich sie gerne nennen möchte – die beeinflussen, zwingen, aus Ordnungen ausgrenzen und neue schaffen.
Entscheidungen, so scheint es mir, unterliegen nicht (allein) unserem freien Willen und jeder Aspekt des Alltagslebens ist erfasst und mitbestimmt von Einflüssen auf meine Gedanken und Gefühle. Kann man überhaupt von freien Willensentscheidungen sprechen oder mehr von dem Resultat einer multioptionalen Beeinflussung durch Zweite, Dritte, Vierte,…?

Ein Ausflug in die Unterwasserwelt.
In sechs Metern Tiefe zieht ein Fischschwarm von sagen wir 5000 Fischen seiner Wege. Ein Fischschwarm ist eine kollektive Erscheinung; ein führungsloses, selbstorganisierendes System. Die Motivation für die unzähligen Entscheidungen jedes einzelnen Fisches rührt von der Imitation der Reaktionen anderer Fische her. Damit wird der Entschluss des einen zum kollektiven Beschluss aller. [1]

Kann der einzelne Mensch überhaupt noch entscheiden wohin es gehen soll oder sind sämtliche Verhaltensmuster und Gefühlswelten durch den Menschen-Schwarm bestimmt?

Wie groß ist die Macht sozialer Ansteckung und was macht mich zum radikal Behandelten bzw. spricht mir meine Handlungsfähigkeit ab?







[1] Vgl. T. Skalski: Über die Klugheit des Kollektivs. Schwarmbildung sichert das Überleben
http://www.3sat.de/page/?source=/scobel/156004/index.html (Stand: August 2011,
abgerufen am 10.11.2012)

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