Samstag, 10. November 2012

Vera in Behandlung I

Ich bin Tochter. Schwester. Freundin. Studentin. Musikerin. Höflich. Herzlich. Weltoffen. Begeisterungsfähig. Erzürnt. Darüber, dass ICH mich nicht ergreifen, umfassen und „von allen guten Geistern verlassen“ (den Bösen eingeschlossen) frei „führen“ kann.

Ich bin in Behandlung: Vera in Behandlung.
„Ob man will oder nicht“. Will ich, oder will ich nicht? Kann ich wollen und kann ich überhaupt nicht-wollen? Muss ich gar wollen oder nicht-wollen?

Wir alle sind in gewaltigen Beziehungsgeflechten miteinander vernetzt. Werden beeinflusst von Menschen, die uns nahe stehen und solchen, die wir gar nicht kennen. Unsere Umgebung prägt und behandelt uns leise und stillschweigend durch Systeme, neue Technologien, Plakatwände, Medienoberflächen, Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten. Alles Einrichtungen, Körperschaften, gesellschaftliche Kräfte – Behandlungsräume, wie ich sie gerne nennen möchte – die beeinflussen, zwingen, aus Ordnungen ausgrenzen und neue schaffen.
Entscheidungen, so scheint es mir, unterliegen nicht (allein) unserem freien Willen und jeder Aspekt des Alltagslebens ist erfasst und mitbestimmt von Einflüssen auf meine Gedanken und Gefühle. Kann man überhaupt von freien Willensentscheidungen sprechen oder mehr von dem Resultat einer multioptionalen Beeinflussung durch Zweite, Dritte, Vierte,…?

Ein Ausflug in die Unterwasserwelt.
In sechs Metern Tiefe zieht ein Fischschwarm von sagen wir 5000 Fischen seiner Wege. Ein Fischschwarm ist eine kollektive Erscheinung; ein führungsloses, selbstorganisierendes System. Die Motivation für die unzähligen Entscheidungen jedes einzelnen Fisches rührt von der Imitation der Reaktionen anderer Fische her. Damit wird der Entschluss des einen zum kollektiven Beschluss aller. [1]

Kann der einzelne Mensch überhaupt noch entscheiden wohin es gehen soll oder sind sämtliche Verhaltensmuster und Gefühlswelten durch den Menschen-Schwarm bestimmt?

Wie groß ist die Macht sozialer Ansteckung und was macht mich zum radikal Behandelten bzw. spricht mir meine Handlungsfähigkeit ab?







[1] Vgl. T. Skalski: Über die Klugheit des Kollektivs. Schwarmbildung sichert das Überleben
http://www.3sat.de/page/?source=/scobel/156004/index.html (Stand: August 2011,
abgerufen am 10.11.2012)

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